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Mullah Nasrudin

Die Befindlichkeit des Fremden

Nachdem er zwei Stunden lang die Schrift erklärt hatte, trat Mullah Nasrudin auf den Platz vor der Moschee hinaus. Man hatte ihm gesagt, dass ein Fremder in der Stadt eingetroffen war, und nun wollte Mullah Nasrudin erfahren, wie es dem Fremden ging.

Da er den Fremden nirgends erblicken konnte, frage er die Marktfrau: „Marktfrau, wie geht es dem Fremden, der gestern in der Stadt angekommen ist?“ – „Oh, ich habe ihn gesehen, er ist müde vom Schleppen der vielen Kisten und der täglichen Arbeit. Er möchte sich ein bisschen erholen.“ Mullah Nasrudin bedankte sich.

Daraufhin traf der die kleine Tochter des Vesirs. Und auch sie fragte er: „Wie geht es dem Fremden, der gestern in der Stadt angekommen ist?“ „Oh ich habe ihn gesehen,“ meinte das Mädchen, „er ist traurig weil er niemanden zum Spielen im Wald hat und er fühlt sich einsam. Außerdem würde er gerne eine frische Feige essen.“

Das verwirrte den Mullah. Daher frage er eine dritte Person, den Weisen Iheb: „Iheb, wie geht es dem Fremden, der gestern in der Stadt angekommen ist?“ „Oh, ich habe ihn gesehen“ antwortete Iheb, „er denkt über die weisen Schriften nach und grübelt über die Frage des Lebens. Er ist unzufrieden, weil er auf diese wichtige Frage keine Antwort findet.“

Nun war der Mullah noch verwirrter. Er beschloss, den Fremden selbst aufzusuchen, um ihn nach seiner Befindlichkeit zu fragen. Er traf ihn an der Hauptstraße sitzend.

Mullah Nasrudin setzte sich neben den Fremden. „Weshalb erzählst Du jedem etwas anderes, wie er Dir geht?“ fragte der Mullah. „Ich habe gar nichts erzählt.“ antwortete der Fremde leise. „Ich habe den ganzen Tag schweigend hier gesessen und gesehen, wie die Marktfrau ihre Kisten schleppte, die Tochter des Vesirs ein Kind zum Spielen suchte und der Weise Iheb über die Fragen des Lebens grübelte.“ Als sie vorbeikamen, habe ich sie freundlich gegrüßt – sonst nichts.“c

(c) Alexander Pfab