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Der Gurak und das Wasserloch
Von Alexander Pfab
In der afrikanischen Savanne gibt es eine Tierart, die die Einheimischen Gurak nennen. Der Gurak stammt entwicklungsgeschichtlich von den gleichen Vorfahren ab, wie der Biber in Mitteleuropa und Nordamerika. Er ist an das Leben in der Savanne bestens angepasst und hat einen kürzeren Schwanz und eine breitere Nase als der Biber. Nur die scharfen Zähne, mit denen er Bäume und Sträucher umnagen kann, nennt auch der Gurak sein Eigen. In der Nähe von Wasserlöchern legt der Gurak ein unterirdisches Höhlensystem an, in dem er wohnt. Im Gegensatz zum Biber ist der Gurak ein Einzelgänger.
Die folgende Geschichte handelt von einem Gurak, der seinen Bau ganz in der Nähe eines marokkanischen Wasserlochs errichtet hatte. Und weil
Wasserlöcher das Lebensquell für die Tiere der Savanne sind, kamen drei Mal täglich viele Tiere ans Wasserloch, um sich am köstlichen Nass zu laben. Viele kamen am Morgen, manche Mittags, einige am Nachmittag und
ein paar erst am Abend. So war an dem Wasserloch den ganzen Tag ein reger Betrieb. Dabei liefen die Tiere natürlich über das unterirdische Höhlensystem des Guraks hinweg. Und gerade, wenn schwere Tiere wie die
Elefantenherde oder das Nashorn zum Wasserloch kamen, passierte es häufig, dass die Wohnzimmerdecke des Guraks nachgab und einstürzte, oder dass sein Schlafzimmer in sich zusammenfiel. Geduldig renovierte der Gurak
sein unterirdisches Reich, wenn wieder einmal die Büffelherde aus der Umgebung ans Wasserloch drängte, und durch die Vibrationen seine Vorratskammer einstürzte. Der Boden der Savanne war einfach ziemlich bröselig
und wenig stabil.
Doch eines Tages reichte es dem Gurak! Er wollte es nicht mehr ertragen, dass die rücksichtslosen anderen Tiere sein mühsam errichtetes
Eigenheim immer wieder baufällig trampelten. Schließlich gab es in der Savanne nicht mal eine Eigenheimzulage! Und er hatte etwas besseres zu tun, als Tag für Tag seine Höhlen zu sanieren. Also besann er sich seiner
scharfen Zähne und errichtete eines nachts, als es besonders ruhig ums Wasserloch war, einen Wall aus Bäumen und Sträuchern, der jeden Zugang zu dem Wasserloch blockierte. Als am nächsten Tag die Tiere zum
Wasserloch wollten, kamen sie nicht durch. Die Konstruktion des Guraks war so perfekt, dass an ein Durchkommen zum Wasserloch nicht zu denken war. Der Wall war ein unüberwindliches Hindernis. Selbst die großen
Elefanten kamen nicht durch, weil in den Wall Dornenbüsche eingearbeitet waren, die die Haut der Elefanten aufrissen.
Die Tiere diskutierten, was nun geschehen sollte. Letztlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als an ein anderes Wasserloch gehen, das etwa eine
dreiviertel Stunde Fußmarsch entfernt lag. Natürlich wurde dieses Loch bereits von anderen Tieren genutzt. Aber in der Savanne ist Wasser für jeden da und das Wasserloch ein sozialer Treffpunkt. Die Tiere wurden als
Gäste herzlich an dem neuen Wasserloch aufgenommen, und es entstanden viele neue Bekanntschaften. Auch einige Freundschaften waren darunter. Und jeden Abend stieg nun an dem entfernten Wasserloch eine große Party,
bis die Tiere sich schlafen legten, wenn die Sonne ganz am Ende der Savanne verschwunden war.
Die ersten drei Tage war es wie ein Traum für die Gurak. Endlich Ruhe! Keine einstürzenden Decken mehr, kein lautes Trampeln, wenn er gerade
seinen Mittagsschlaf abhielt. Doch am vierten Tag wurde es ihm langweilig. Wenn er so alleine am Ufer des Wasserlochs saß, vermisste er die anderen Tiere. Es war ziemlich einsam geworden. Er vermisste die
Gesellschaft und die Unterhaltungen. Nur ein paar schweigsame Fische waren in dem Wasserloch geblieben. Mit ihnen war aber ein Gespräch undenkbar. Der Gurak litt. Und er überlegte, was er tun könnte, um die
Einsamkeit zu vertreiben, ohne wieder durch das Getrampel seinen Wohnbereich zu gefährden. Aber es fiel ihm keine Lösung ein.
Da griff er zum letzten Strohhalm, der ihm verblieben war. Er machte sich auf zu dem anderen Wasserloch, um die Tiere zurückzuholen. Dabei nahm
er den beschwerlichen Fußmarsch auf sich.
„Aber der Zugang ist doch versperrt,“ entgegneten ihm die Tiere, als er am anderen Wasserloch angekommen war und seinen Wunsch vortrug.
Der Gurak blickte traurig, „Ja ich weiß. Ich war das, weil ihr immer wieder mein Wohnzimmer zum Einstürzen gebracht habt“ beschwerte sich der Gurak. „Ich habe nie ein Wohnzimmer gesehen,“ trompetete ein
Elefant, der in etwa so hoch war, wie 30 aufeinander gestapelte Gurak-Wohnzimmer. „Das geht auch nicht, weil es unter der Erde liegt,“ antwortete der Gurak kleinlaut. „Bitte, bitte, kommt doch zurück! Es ist
sooo schrecklich einsam am Wasserloch ohne euch!“ bettelte der Gurak. „Ich gehe an kein Wasserloch, wo ich anderen Tieren das Wohnzimmer zertrample.“ schnaubte das alte Nashorn, das den Gurak gehört
hatte. „Und wenn wir eine Lösung finden, die mein Wohnzimmer ganz lässt?“ wollte der Gurak vorsichtig wissen. „Dann komme ich wiiiieeeeder,“ trötete der Elefant versöhnlich. „Ich auch,“ prustete
das alte Nashorn. „Wie wäre es denn, wenn wir nur auf ganz bestimmten Wegen zum Wasserloch gehen, und nicht kreuz und quer?“ schlug der Wüstenfuchs vor, der für seine außerordentliche Schläue bekannt war, und
dem der tägliche Fußmarsch an das andere Wasserloch ziemlich auf die Nerven ging. „Einverstanden,“ rief der Gurak beigeistert. Und auch die anderen Tiere fanden Gefallen an dieser Lösung. In der nächsten Nacht
schaffte der Gurak Teile des Walls beiseite und markiere eine Reihe von Wegen, die an das Wasserloch führten. Am, nächsten Morgen war er ganz groggy von der anstrengenden Arbeit.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Wiedereröffnung des Wasserlochs herumgesprochen hatte. Doch nach ein paar Tagen kehrte das Leben zurück an
das alte Wasserloch, und es begannen auch langsam wieder die Parties. Zur offiziellen Eröffnung spendierte der Gurak ein Bündel Taipioka-Baum-Wurzeln, die in diesem Teil der Savanne als besondere Delikatesse
gehandelt werden. Und mit den Tieren kehrten auch die Gespräche und die interessanten Unterhaltungen zurück, die der Gurak so vermisst hatte. Nun waren auch die Wohnhöhlen des Gurak gesichert, und er konnte beruhigt
sein Wohnzimmer einrichten, ohne um seine Zimmerdecke fürchten zu müssen. Denn die Tiere hielten sich an die Wege, die er vorgezeichnet hatte. Und wenn der Gurak nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute an
diesem Wasserloch.
Anmerkung: Die lateinische Bezeichnung des Gurak lautet parvus fraudis, wie auf Seite 321 im 7. Band von Brehm’s
Tierleben nachzulesen ist..
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